Vom Leistungsdruck zur Überlastung (Teil 2)

Im ersten Teil dieser Blogserie haben Sie bereits erfahren, was Perfektionismus bei Kindern auslösen kann, wie häufig Kinder Stress empfinden und welche Formen von Perfektionismus es gibt. In diesem zweiten Teil der Blogserie „Vom Leistungsdruck zur Überlastung – Perfektionismus und Stress bei Lernenden nehmen zu“ erfahren Sie, wie Sie Perfektionismus vorbeugen und was Sie tun können, um Perfektionismus zu bändigen.

 Sieben Tipps für Eltern, damit Perfektionismus keine Chance hat:

  1.  Schaffen Sie zuhause eine konstruktive Fehlerkultur! Der familiäre Umgang mit Fehlern nimmt entscheidend Einfluss auf die Entstehung von Perfektionismus. Gehen Sie mit schlechten Noten gelassen um oder bestrafen Sie Ihr Kind dafür sogar (z. B. durch Schimpfen, schlechte Laune, mehr Hausaufgabenkontrolle, Spielverbot)? Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass bessere Zeiten kommen, und blicken Sie mit ihm auf Dinge zurück, die ihm gut gelungen sind. Analysieren Sie, wenn die ersten Tränen der Verzweiflung über die Fehler abgeklungen sind, dass Sie gemeinsam in die Zukunft und nach neuen Strategien schauen. Vielleicht können Sie mit Ihrem Kind auch darüber sprechen, ob es sich in diesem „schlechten“ Schulfach verbessern will. Nicht jedem liegt jedes Schulfach gleichermaßen.
  2. Seien Sie wertschätzend! Da Ihr Kind sicherlich selbst stark belastet ist, wenn es schlechte Leistungen erbracht hat, sollten Sie nicht zusätzlich Salz in die Wunde streuen. Trösten Sie Ihr Kind und bauen Sie es auf. Sie dürfen die Enttäuschung Ihres Kindes auch einfach zulassen. Nehmen Sie ihm die Angst vor Misserfolgen, indem Sie ihm zeigen: Ich liebe dich unabhängig von deinen Leistungen.
  3. Tauschen Sie sich aus! Es hilft vielen Kindern, wenn sie zusammen mit den Eltern über den „worst case“ sprechen: „Was kann schlimmstenfalls passieren? Welche Folgen hätte das?“ Sprechen Sie mit Ihrem Kind und überlegen Sie gemeinsam, wofür es sich lohnt, sich besonders anzustrengen und wofür weniger. Ihre Meinung und Ihr Blick können Ihrem Kind helfen.
  4. Nehmen Sie selbst Dinge leichter und mit Humor! Humor hilft sehr, wenn man mit Rückschlägen umgehen muss. Vielleicht entwickeln Sie auch Spaß daran, mit Ihrem Kind wie folgt ein Szenario zu konzipieren: „Was hätte noch alles schlecht laufen können?“ nach dem Motto „Da haben wir ja Glück gehabt, dass es nur so gelaufen ist, weil … Stell dir mal vor es wäre auch noch … passiert!“ Humor kann helfen, wenn etwas schiefgeht. Nicht umsonst heißt es: Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Aber, Achtung: Nehmen Sie trotzdem die Sorgen Ihres Kindes ernst und machen Sie sich keinesfalls darüber lustig. Die Wertschätzung bleibt trotz Humor bestehen.
  5. Seien Sie Vorbild! Zeigen Sie Ihrem Kind auf, in welchen Bereichen auch Sie Fehler bzw. Abstriche machen können bzw. dürfen. Sehen Sie selbst Dinge nicht so verbissen oder sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, was es z. B. an Freizeit gewinnen kann, wenn es in einigen Dingen (bewusst) nicht 100 % bringt (siehe Pareto-Prinzip bei Punkt 7).
  6. Ausgleich schaffen – das richtige Maß ist wichtig! Mit Sport schaffen Sie z. B. einen guten Ausgleich zum angestrengten Lernen/Arbeiten: Der Kopf wird frei, und wer seine Muskeln beansprucht, trainiert automatisch seine grauen Zellen, dies beweist die noch unveröffentlichte Max Planck Studie (vgl. Der Spiegel, 2015. Sport setzt Endorphine frei und hält den Geist fit. Gerd Kempermann, Mediziner vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Dresden, erklärt: „Wer Sport treibt, tut mehr für sein Gehirn als jemand, der den ganzen Tag im Sessel sitzt und denkt“ (Der Spiegel, 2015). Die durch Sport freigesetzten Proteine sind im Gehirn für die Neubildung von Zellen verantwortlich – das macht gute Laune und steigert auch die Lernleistung.
  7. Neue Lern-/Arbeitsstrategien wie das Pareto-Prinzip ausprobieren! Hier wird deutlich, dass Perfektionismus viel Zeit kostet und dadurch auch enorm belastend sein kann. Natürlich sagen jetzt wirkliche Kritiker: „Ja, aber ich erreiche in der relativ kurzen Zeit halt nicht das Optimum.“ Aber, man erreicht immerhin ein gutes Ergebnis und gewinnt sehr viel Zeit! Letztere könnte man wiederum für die Dinge nutzen, die einem wirklich am Herzen liegen. Die Regel lässt sich wunderbar auf das Erstellen von Präsentationen etc. anwenden. Stellen Sie Ihrem Kind also folgende Fragen: Eine sehr bewährte Arbeitsstrategie ist das Pareto-Prinzip. Damit hat Hanna Hardeland im Lerncoaching sehr gute Erfahrungen gesammelt. Vilfredo Pareto war Nationalökonom und Soziologe italienischer Herkunft. Er hat das 20/80-Prinzip aufgestellt. Dies besagt, dass man in 20 % der vorhandenen Zeit ca. 80 % der Aufgaben erledigen kann. Will man ein perfektes Ergebnis abliefern, so braucht man für die restlichen 20 % des Ergebnisses die weiteren 80 % der Zeit (siehe Abbildung).

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  • Wie wichtig sind dir die letzten 20 %?
  • Wann bist du bereit, 100 % zu geben? Wo reichen dir 80 %?

 

Das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung ist leider sehr unausgeglichen, daher hat es Sinn, im Alltag Prioritäten zu setzen und Kompromisse einzugehen.

Perfektionismus ist ein sehr vielschichtiges und wachsendes Phänomen in unserer leistungsorientierten Gesellschaft. Vor allem dann, wenn der Drang, etwas perfekt zu machen, überhandnimmt oder man verbissen wird, ist es Zeit, etwas zu ändern. Das muss ein echter Perfektionist erst einmal merken. Lerncoaching kann unterstützen, indem hilfreiche Lern-/Arbeitsstrategien wie das Pareto-Prinzip trainiert werden.

Quellen:

  • Hewitt, P. L. & Flett, G. L. (2002): Perfectionism and stress processes in psychopathology. In: Perfectionism: theory, research, and treatment. Mai 2002, S. 255-284.
  • König, Grit (2009): Wann Perfektionismus krankhaft wird. In: Die Welt, Mai 2009, S.1.
  • Spitzer, Niels (2009):Die therapeutische Verringerung einer modernen Tugend? Perfektionismus kognitiv umstrukturieren. In: Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, Juli 2009 S. 359-373.
  • Wolffheim, Franziska (2009): Lebst du schon oder bist du noch perfekt? In: Stern, März 2015, S.1.
  • In: Der Spiegel, Heft 32, August 2015, S. 91-93.

 

 

 


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