Lehrer am Limit

Was passiert, wenn man pädagogische „Innovation“ in ein veraltetes Schulsystem presst? 

Vielen Dank, lieber NDR, für den Beitrag „Unter Lehrern“ vom 04.06.2013. Dieser Film sorgt für reichlich Gesprächsstoff in Lehrerzimmern und auf Schulfluren. Die Redakteurin Anja Reschke spielt für vier Wochen Co-Lehrerin in einer Stadtteilschule in Hamburg-Wilhelmsburg.

Hier wird deutlich dargestellt, wie stark sich Lehrerinnen und Lehrer belastet fühlen. Lehrende

  • sind tagtäglich den Provokationen und Unlustäußerungen der Schülerinnen/Schüler ausgeliefert,
  • müssen blitzschnell und adäquat auf Unterrichtsstörungen reagieren oder sie (besser) ignorieren.
  • fühlen sich unter Dauerstress, weil sie in der Pause vom Kopierer zur Toilette, zum Lehrerzimmer hetzen. Währenddessen führen sie noch vielfach Gespräche zwischen Tür und Angel oder Telefonate mit Kolleginnen/Kollegen, Schulleitung und/oder Schülern/Schülerinnen sowie Eltern. Zeit, um in Ruhe vom Schulbrot abzubeißen, bleibt kaum.

66,6 % der Lehrerinnen und Lehrer leiden unter dem hektischen/stimmungsvollen Arbeitsklima an der Schule (vgl. Kretschmann, R. 2008). Zudem beklagen 50 % die unzureichende Wertschätzung ihrer Tätigkeit und 46,6 % der Lehrerinnen/Lehrer leiden unter ihrem Verantwortungsdruck (ebd.). Dadurch stellen sich Gefühle wie Machtlosigkeit, Versagensangst, Unzufriedenheit und Frust ein.

Diese Reportage zeigt viele Aspekte, die im Hinblick auf unser Bildungssystem zu monieren sind. Einige der dargestellten Probleme habe auch ich während meiner Lehrertätigkeit erleben müssen.

Das Problem ist identifiziert, wie geht es weiter? Was kann getan werden, um diesem Dilemma zu entkommen? Wie können wir den Blick vom Defizit auf die Lösung wenden?

Ich versuche es einmal ;): Es ist nicht alles schlecht im deutschen Bildungsuniversum; es gibt auch andere Beispiele in unserer heutigen Bildungslandschaft. Teilweise haben Schulen/Schulleitungen schon auf die steigende Lehrerbelastung reagiert und finanzielle sowie zeitliche Ressourcen freigegeben, um die Belastung der Lehrerinnen und Lehrer zu verringern.

Ich selbst habe an der W4 in Hamburg als Lehrerin erlebt, wie es anders gehen kann. Als Lehrerin in einem Lehrer-Team habe ich NICHT MEHR als Einzelkämpferin agiert. Ein Baustein zur Lösung könnte das Wort „Lehrer-Teamarbeit“ sein.

Teamarbeit bedeutet eine Lastenverteilung auf mehrere Schultern. Bereits 2004 habe ich im Rahmen meines ersten Staatsexamens bei Frau Prof. Dr. Ingrid Darmann das Thema „Teamarbeit im Kontext von Lernfeldunterricht in der Fachrichtung Gesundheit – Probleme und Chancen“ analysiert. Hier wurde deutlich, dass durch Lehrer-Teamarbeit eine Effizienzsteigerung des Unterrichts, eine umfassendere pädagogische Betreuung, eine Verbesserung der Unterrichtsqualität und eine deutliche Lehrerentlastung erreicht werden können.

Ein Lehrer-Team kann weitaus mehr kreative Ideen und Ergebnisse produzieren als ein Lehrer allein. Alle Teammitglieder tragen gemeinsam die Verantwortung. Ein Gefühl der Sicherheit, Stabilität und Entlastung kann entstehen. Im Zuge der Individualisierung des Unterrichts erfährt die Lehrerin/der Lehrer Entlastung und Unterstützung durch ihre/seine Kolleginnen bzw. Kollegen.

Leider gelingt noch zu wenigen Schulen die flächendeckende Umsetzung von Lehrer-Teamarbeit. Die damit verbundenen Zusatzkosten können nicht aufgebracht werden. Auch im NDR-Beitrag wird ersichtlich, dass sich die Kolleginnen allein und teilweise wie einsame Bühnendarstellerinnen fühlen.

Schule muss sich neu erfinden! Und das tut sie bereits – im Rahmen ihrer Möglichkeiten! Innovation lässt sich nicht in das alte System pressen. Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern, hier ist die Politik gefragt! Die Implementierung von Lehrer-Teamarbeit ist gut investiertes Geld in die Bildung und Lehrergesundheit.

Lieber NDR, danke für diese Reportage! Dadurch wurde wieder eine Diskussion entfacht. Es wurde mit dem Finger auf das Problem gezeigt. Ich würde mich über einen zweiten Teil freuen: eine Fortsetzung, die vielleicht lösungsorientiert zeigt, wie es anders gehen kann. Damit meine ich keine Darstellungen wie in den Filmen von Reinhard Karl („Treibhäuser der Zukunft“). Hier werden ausschließlich idealtypische Innovationsschulen vorgestellt. Ich wünsche mir vielmehr einen Beitrag über Lehrerinnen/Lehrer bzw. Schulen, denen es gelingt, das veraltete Schulsystem ein Stück weit aufzubrechen und über den Tellerrand zu blicken.

Quelle: Kretschmann, R. 2008 (Herausgeber): Stressmanagement für Lehrerinnen und Lehrer. Ein Trainingsbuch mit Kopiervorlagen. Weinheim und Basel: Beltz.


Kommentare:

Kay Tauber:
11.06.2013

Liebe Hanna,

vielen Dank für dein Statement. Du nimmst mir die Wort quasi aus dem Mund. In den Schulen passiert in der Tat ziemlich viel und wir dürfen den „Kampf“ einfach nicht aufgeben. Ich bin der festen Überzeugung, dass schon sehr viele Schule auf dem besten Weg sind, ihre Ressourcen an der richtigen Stelle einzusetzen. Packen wir es an…..


Kühn Matthias:
23.02.2016

Wow Herr Tauber ist ein Visionär


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